Die Schallplatte: von 78 zu 33 Umdrehungen

Kurz gesagt: Bis 1948 drehte sich Musik als zerbrechliche Schellackplatte mit 78 Umdrehungen und nur wenigen Minuten pro Seite. Columbia stellte im Juni 1948 die Vinyl-Langspielplatte mit 33⅓ Umdrehungen vor, RCA Victor konterte 1949 mit der 45er-Single. Beide Formate setzten sich nebeneinander durch und bestimmen bis heute, wie Platten gepresst werden.

Drei Drehzahlen, eine lange Geschichte

Wer einen Plattenspieler kauft, stößt auf eine merkwürdige Zahlenreihe: 33⅓, 45 und manchmal 78 Umdrehungen pro Minute. Dahinter steckt ein Stück Industriegeschichte, das Ende der 1940er-Jahre in einem regelrechten Formatkrieg gipfelte. Am Ende standen zwei Formate, die bis heute gelten: die Langspielplatte (LP) und die Single.

Ausgangspunkt war die Schellackplatte. Seit Emil Berliners Grammophon hatte sich die flache Scheibe gegen die Walze durchgesetzt, und Schellackplatten liefen laut Deutschem Patent- und Markenamt (DPMA) mit 78 Umdrehungen pro Minute. Das Format hatte aber klare Grenzen.

Die Grenzen der 78er

Eine Schellackplatte bot nur wenige Minuten Musik pro Seite. Längere Werke mussten deshalb laut Library of Congress auf mehrere 78er verteilt werden – eine Sinfonie kam als Album mit einem ganzen Stapel Platten. Hinzu kamen das stärkere Rauschen und die Zerbrechlichkeit. Der ORF beschreibt Schellack zudem als teuren Naturstoff.

Versuche mit längeren Spielzeiten gab es früh. Laut Library of Congress existierten Vinyl, die Drehzahl 33⅓ und verschiedene Mikrorillen-Experimente bereits in den 1920er-Jahren, darunter eines von RCA Victor. Der ORF nennt eine erste Vinylpressung von RCA Victor aus dem Jahr 1930, die sich mangels Abspielgeräten nicht durchsetzte. Ironie der Geschichte: Edward Wallerstein, der später bei Columbia die LP vorstellte, hatte laut Library of Congress Anfang der 1930er-Jahre bei RCA Victor ein gescheitertes Langspielprojekt eingestellt.

1948: Columbia stellt die Langspielplatte vor

Der Durchbruch kam von Columbia Records. Unter der Leitung von Peter Goldmark perfektionierten Ingenieure von Columbia und CBS laut Library of Congress im Sommer 1947 die Mikrorille. Goldmark wurde laut ORF 1906 in Budapest geboren, studierte in Wien und wanderte in die USA aus.

Am 21. Juni 1948 stellte Columbia-Präsident Edward Wallerstein die „Long-playing microgroove record“ im Waldorf Astoria in New York vor. Ein Leserkommentar auf dem Blog der Library of Congress verweist auf einen Billboard-Artikel, der die Pressevorführung auf den 18. Juni datiert – das genaue Datum ist also nicht ganz unumstritten. Die neue Platte hatte 12 Zoll (30 Zentimeter) Durchmesser, lief mit 33⅓ Umdrehungen und bot rund 23 Minuten pro Seite. Die erste Matrize, ML 4001, enthielt Mendelssohns Violinkonzert e-Moll mit Nathan Milstein und den New Yorker Philharmonikern unter Bruno Walter.

Das Material war ebenso wichtig wie die Rille. Statt Schellack kam Polyvinylchlorid zum Einsatz, daher der Name „Vinyl“. Columbias Katalog von 1949 warb laut Library of Congress mit „unzerbrechlichem Vinylite“ und bis zu 45 Minuten Musik auf einer 12-Zoll-Platte – rund sechsmal so viel wie eine Schellack-78er. Eine LP fasste damit eine ganze Sinfonie oder etwa ein Dutzend Popsongs pro Seite. Damit der Handel vorbereitet war, verschickte Columbia laut Library of Congress Demonstrationsalben mit vier 12-Zoll- und zwei 10-Zoll-Platten; bis zum 21. Juni 1948 wurden davon je 10.000 Exemplare für Händler hergestellt. Die 12-Zoll-Platten trugen blaue, die 10-Zoll-Platten grüne Etiketten. Der ORF nennt als Vorteile bessere Aufnahmequalität, längere Laufzeit, weniger Rauschen und höhere Stabilität.

1949: RCA kontert mit der 45er

RCA Victor wollte das Feld nicht kampflos räumen und brachte 1949 eine eigene Antwort: die Single mit 7 Zoll (17,5 Zentimeter) Durchmesser und 45 Umdrehungen pro Minute (ORF, mus-col). Das Format war kleiner, handlicher und ideal für einzelne Songs.

Die Folge war Anfang der 1950er-Jahre die „Battle of the Speeds“, wie das Plattenportal mus-col den Wettstreit nennt: LP, 45er und 78er konkurrierten um die Gunst der Käufer. Am Ende teilten sich die Formate den Markt auf. Die LP wurde zum Medium für Alben und Klassik, die 45er zum Medium für Hits – mit einer B-Seite als Zugabe.

RCA kennzeichnete seine 45er anfangs sogar farblich nach Genre: Laut mus-col waren Pop-Veröffentlichungen schwarz, Country grün, Kinderplatten gelb, Klassik rot und Rhythm and Blues sowie Gospel orange. In Großbritannien, Japan und einigen anderen Ländern hatten 45er herausnehmbare Mittelstücke, damit sie auch auf Jukebox-Mechaniken passten. Wie die Musikbox die Single populär machte, erzählt die Geschichte der Jukebox.

FormatDrehzahlDurchmesserTypische Spielzeit
Schellack-78er78 U/minverschiedenwenige Minuten pro Seite
LP (Columbia, 1948)33⅓ U/min12 Zoll / 30 cmrund 23 Minuten pro Seite
Single (RCA, 1949)45 U/min7 Zoll / 17,5 cmmeist 2 bis 5 Minuten

Wie lang darf eine Single sein?

Die Spielzeit einer 45er hatte Grenzen. Laut mus-col laufen die meisten Singles zwei bis fünf Minuten. George Martin ermittelte 1968 bei Experimenten eine Grenze von 7 Minuten und 11 Sekunden – genau die Länge von „Hey Jude“. Längere Seiten riskierten, dass automatische Plattenwechsler vorzeitig auslösten.

Das hat physikalische Gründe: Je länger die Spielzeit, desto enger müssen die Rillen liegen und desto weniger Platz bleibt für laute, basskräftige Passagen. Deshalb gilt bei Platten bis heute ein Kompromiss zwischen Laufzeit und Pegel. Für dich heißt das: Ein Album mit sehr langen Seiten wird oft etwas leiser geschnitten als eines mit kurzen Seiten.

RIAA-Kurve und Stereo: die Platte wird erwachsen

Mit der Mikrorille kam ein Problem: Tiefe Töne brauchen viel Platz in der Rille, hohe Töne gehen im Rauschen unter. Die Lösung ist eine Entzerrung, die beim Schneiden das Frequenzverhältnis verändert und bei der Wiedergabe wieder umkehrt. Laut hifi.de legte die Recording Industry Association of America die dafür maßgebliche RIAA-Kurve 1952 fest. Damit mehr Musik auf eine Seite passt, werden hohe und tiefe Frequenzen unterschiedlich stark aufgezeichnet; der Phono-Vorverstärker macht das bei der Wiedergabe rückgängig. Deshalb braucht jeder Plattenspieler einen Phono-Eingang oder einen eingebauten Vorverstärker.

Der nächste Schritt war Stereo. Laut dem Audiomagazin Copper führte Westrex 1957 einen Schneidkopf vor, der beide Kanäle in einer einzigen Rille im 45/45-Verfahren unterbrachte. Laut ETHW passten 1958 mehrere Plattenfirmen, darunter RCA und Decca, die LP für Stereo an. Ende der 1960er-Jahre wurden Mono-Platten eingestellt. Die ganze Geschichte erzählt der Artikel über Stereo.

Das Ende der 78er und was danach kam

Die Schellackplatte verschwand langsam. Laut mus-col erschienen die letzten kommerziellen 78er-Singles in den USA 1959, für Kinderplatten und ältere Jukeboxen wurden sie noch bis 1964 gefertigt. Der ORF schreibt, Vinyl habe Schellack bis in die 1960er-Jahre in Nordamerika und Europa verdrängt. Das DPMA fasst zusammen: In den 1950er-Jahren wurden 33 und 45 zum Standard.

Jahrzehnte später geriet auch Vinyl unter Druck. Laut mus-col gingen die Single-Verkäufe Anfang der 1980er-Jahre zurück, 1987 kam die erste Kassettensingle, und um 1990 hatten die Firmen die 45er weitgehend eingestellt – abgesehen von Jukebox- und Sammlerausgaben. Die CD übernahm. Dass Vinyl trotzdem nie ganz verschwand und heute wieder gefragt ist, erklärt das Vinyl-Comeback.

Praxis: Was die Drehzahlen für dich bedeuten

  • Fast jeder aktuelle Plattenspieler beherrscht 33⅓ und 45. Ob er auch 78 kann, steht im Datenblatt.
  • Nicht jede Platte verrät ihre Drehzahl über den Durchmesser. Steht nichts auf dem Label, hilft ausprobieren: Klingen Stimmen zu tief und schleppend, ist die Drehzahl zu niedrig gewählt.
  • Ohne Phono-Vorverstärker klingt eine Platte dünn und leise. Viele Plattenspieler haben ihn eingebaut, sonst brauchst du einen Verstärker mit Phono-Eingang.
  • Wie du einen Plattenspieler mit Lautsprechern verbindest, erklärt der Artikel Plattenspieler und Lautsprecher verbinden.

Und weil Vinyl empfindlich ist, lohnt sich etwas Pflege. Das Handbuch der freien Audiosoftware Audacity empfiehlt vor dem Digitalisieren, Platten mit lauwarmem Wasser und etwas Spülmittel zu reinigen, mit destilliertem Wasser nachzuspülen und vollständig an der Luft trocknen zu lassen. Gewellte Platten lassen sich demnach zwischen zwei ebenen Brettern unter Gewicht in einem warmen Raum über mehrere Tage glätten. Vorsicht bei Schellack: Wasser und Spülmittel sind für Vinyl gedacht, bei alten 78ern solltest du dich vorab genauer informieren.

Ein letzter Gedanke zur Drehzahl: Dass eine LP langsamer läuft als eine 78er, heißt nicht automatisch schlechteren Klang. Entscheidend sind Rillengeometrie, Material und Schnitt. Die Mikrorille auf Vinyl rauscht deutlich weniger als die grobe Schellackrille, und genau das war 1948 das stärkste Argument der LP. Wer seine Plattensammlung zusätzlich digital sichern möchte, findet eine Anleitung im Artikel Vinyl digitalisieren.

Passend dazu bei rauschverbot.de

Häufige Fragen

Warum gibt es Platten mit 33 und 45 Umdrehungen?

Columbia führte 1948 die LP mit 33⅓ Umdrehungen ein, RCA Victor 1949 die Single mit 45. Beide Formate setzten sich nebeneinander durch: die LP für Alben, die 45er für einzelne Songs.

Wie lange läuft eine LP-Seite?

Die erste Columbia-LP bot rund 23 Minuten pro Seite. Die genaue Spielzeit hängt von Rillenabstand und Pegel ab.

Was ist die RIAA-Kurve?

Eine 1952 festgelegte Entzerrung, mit der Platten geschnitten werden. Der Phono-Vorverstärker kehrt sie bei der Wiedergabe um.

Wann verschwanden die 78er?

In den USA erschienen die letzten kommerziellen 78er-Singles 1959, Sonderpressungen für Kinder und Jukeboxen gab es bis 1964.

Quellen

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