Stereo: wie der Raumklang ins Wohnzimmer kam

Kurz gesagt: Erste zweikanalige Übertragungen gab es schon in den 1880er-Jahren in Paris. Alan Blumlein bei EMI und Ingenieure der Bell Labs entwickelten ab 1931 die Grundlagen moderner Stereofonie. Ab 1958 kam die Stereo-LP, 1961 der UKW-Stereofunk in den USA und 1963 in der Bundesrepublik – seitdem ist Stereo Standard.

Was Stereo eigentlich ist

Stereo kommt vom griechischen „stereós“ für räumlich, fest. Gemeint ist eine Aufnahme und Wiedergabe über mindestens zwei getrennte Kanäle, die zusammen ein räumliches Klangbild erzeugen. Sitzt du richtig zwischen zwei Lautsprechern, hörst du die Sängerin in der Mitte, obwohl dort gar kein Lautsprecher steht. Diese „Phantomschallquelle“ ist der Kern der Stereofonie. Den Unterschied zu Mono und Mehrkanal erklärt der Artikel Stereo, Mono und Raumklang.

Dass wir Richtungen hören können, liegt an kleinen Unterschieden zwischen beiden Ohren. Laut hifi.de nimmt der Mensch Laufzeitunterschiede schon ab etwa 10 Mikrosekunden wahr, oberhalb von rund 2 Kilohertz spielt zusätzlich die Abschattung durch den Kopf eine Rolle. Stereo nutzt genau diese Mechanismen: Kommt ein Signal aus beiden Lautsprechern gleich laut und gleichzeitig, verortest du es in der Mitte. Ist es auf einer Seite etwas lauter oder früher, wandert die Phantomschallquelle in diese Richtung – deshalb verschiebt schon eine leicht asymmetrische Sitzposition das ganze Klangbild. Mehr zu den Grundlagen findest du unter Psychoakustik.

Die Pariser Oper am Telefon

Die Idee ist erstaunlich alt. Laut dem Audiomagazin Copper übertrugen 1881 paarweise angeordnete Telefonhörer Aufführungen der Pariser Oper in andere Räume, wobei die Zuhörer pro Ohr einen Kanal hörten. Das ETHW des IEEE beschreibt eine ähnliche Anlage und datiert sie auf 1884: Zwei Mikrofone in der Pariser Oper waren mit „lautsprechenden Telefonen“ in anderen Gebäuden verbunden und lieferten zweikanaligen Klang. Die abweichenden Jahreszahlen zeigen, wie unscharf die Überlieferung ist – unstrittig ist, dass zweikanalige Übertragung schon im 19. Jahrhundert ausprobiert wurde.

Copper erwähnt außerdem „zufälliges Stereo“: Ab 1929 liefen bei manchen Aufnahmen zwei oder mehr Mikrofone und Schneidmaschinen gleichzeitig. Archivare haben solche Mitschnitte später paarweise synchronisiert und so nachträglich Stereoaufnahmen gewonnen.

Alan Blumlein: Stereo als System

Den entscheidenden Schritt machte ein britischer Ingenieur. Alan Blumlein kam laut EMI Archive Trust 1931 zu EMI, als Columbia und The Gramophone Company fusionierten, und arbeitete als leitender Toningenieur in den Forschungslaboren in Hayes. Die Idee entstand nach einem Kinobesuch: Blumlein störte, dass der Ton nur aus einem Lautsprecher kam, egal wo sich der Schauspieler auf der Leinwand bewegte.

Blumlein meldete 1931 Patente an, die laut EMI Archive Trust Stereo-Schallplatten, Stereo-Film und Raumklang abdeckten. Bemerkenswert ist sein Denkansatz: Er lehnte die Vorstellung ab, dass zwei Lautsprecher einfach zwei Ohren ersetzen. Stattdessen wollte er die Richtungseigenschaften des Schallfelds nachbilden. Für die Schallplatte entwickelte er einen Schnitt, bei dem zwei Kanäle gleichzeitig aus einer Rille gelesen werden können – kompatibel zu bestehenden Mono-Platten. Am 14. Dezember 1933 wurde laut EMI Archive Trust im Auditorium in Hayes die erste Wachsplatte einer Stereo-Testaufnahme geschnitten.

Gleichzeitig forschten die Bell Labs in den USA. Laut Copper entwickelten Fletcher und Keller 1931 Geräte für binaurale elektrische Aufnahmen und nahmen damit das Philadelphia Orchestra unter Leopold Stokowski auf. Um die Führung von EMI zu überzeugen, baute Blumlein laut EMI Archive Trust sogar ein großes Demonstrationsmodell, das das Prinzip anschaulich machte. Kommerziell blieb seine Stereotechnik zunächst ohne Folgen, doch vieles davon wird laut EMI Archive Trust bis heute in den Abbey Road Studios und anderen Studios weltweit verwendet.

Das ETHW nennt Arthur Keller und I. Rafuse von den Bell Labs sowie Blumlein als diejenigen, die unabhängig voneinander einen Weg fanden, zwei Aufnahmen in einer Rille unterzubringen.

Kino und Tonband als Wegbereiter

Bevor Stereo ins Wohnzimmer kam, versuchte es sich im Kino. Disneys „Fantasia“ nutzte laut ETHW das Mehrkanalsystem Fantasound; die Wiedergabetechnik war aber so teuer, dass es nicht wieder eingesetzt wurde.

Der eigentliche Wegbereiter war das Tonband. Mit Bandmaschinen ließen sich ab den späten 1940er-Jahren laut ETHW mehrere Kanäle nebeneinander auf einem Band aufzeichnen. 1949 führte Marvin Camras vom Armour Research Institute einen der ersten Stereo-Bandrecorder vor, mit drei Kanälen. Anfang der 1950er-Jahre boten mehrere Hersteller zweikanalige Bänder und Geräte an. Copper nennt Emory Cook, der 1951 Stereo-Tonbandaufnahmen von Zügen veröffentlichte und Mitte der 1950er-Jahre Platten mit getrennten Rillen für jeden Kanal schnitt – mit einem Tonarm, der zwei Abtaster brauchte.

1957/58: Stereo auf der Schallplatte

Für den Massenmarkt fehlte eine Platte, die beide Kanäle in einer Rille trug und auf normalen Plattenspielern lief. Laut Copper führte Westrex, ein Ableger von Western Electric, 1957 einen Schneidkopf vor, der beide Kanäle im 45/45-Verfahren in einer einzigen Rille unterbrachte. Dafür war ein neuer Stereo-Tonabnehmer nötig, der beide Rillenflanken abtastet.

Die ersten Demonstrationsplatten entstanden im Oktober 1957 für das kleine New Yorker Label Audio Fidelity. Laut Copper hatte die Platte zwar Rausch- und Phasenprobleme, doch Firmenchef Sid Frey ließ 500 Exemplare pressen und bot sie Mitte Dezember 1957 per Anzeige im Billboard jedem an, der auf Firmenbriefpapier schrieb. 1958 passten laut ETHW mehrere Plattenfirmen, darunter RCA und Decca, die LP für Stereo an; die Library of Congress verortet die Ankunft des Stereoklangs ebenfalls in den späten 1950er-Jahren. Ende der 1960er-Jahre wurden Mono-Platten eingestellt. Mehr zur Entwicklung der Platte im Artikel Die Schallplatte.

JahrMeilensteinQuelle
1881/1884zweikanalige Opernübertragung in ParisCopper, ETHW
1931Blumleins Patentanmeldungen; Bell-Labs-AufnahmenEMI Archive Trust, Copper
1933erste Stereo-Testaufnahme in Hayes (14. Dezember)EMI Archive Trust
1949Camras’ Dreikanal-BandrecorderETHW
1957Westrex 45/45, erste Demo-PlatteCopper
1958Stereo-LPs von RCA, Decca und anderenETHW
1961UKW-Stereo in den USAETHW
1963Stereo-Hörfunk in der BundesrepublikBayern Digital Radio

Stereo im Radio

Auch der Rundfunk zog nach. Laut ETHW begann 1961 in den USA der UKW-Stereofunk; frühere Versuche mit AM-Stereo um 1951 und spätere AM-Stereo-Systeme blieben kurzlebig. In der Bundesrepublik startete der Stereo-Hörfunk laut Bayern Digital Radio im August 1963, in der DDR 1965. Die Vorgeschichte erzählt der Artikel zur Geschichte des Radios in Deutschland.

Danach ging die Entwicklung in Richtung mehr Kanäle: Ende der 1960er-Jahre erschienen laut ETHW quadrofone Aufnahmen, in den 1970er-Jahren kehrte Mehrkanalton ins Kino zurück. Heute knüpfen Formate wie Dolby Atmos an diese Idee an.

Stereo auf dem Kopfhörer

Interessant ist, dass Stereo ursprünglich für Lautsprecher gedacht war. Blumlein ging es gerade nicht darum, die beiden Ohren einzeln zu bespielen, sondern ein Schallfeld im Raum nachzubilden. Beim Kopfhörer passiert etwas anderes: Jeder Kanal landet direkt an einem Ohr, das Übersprechen zwischen links und rechts, das bei Lautsprechern ganz natürlich entsteht, fehlt. Viele Menschen nehmen das Klangbild deshalb eher im Kopf als vor sich wahr.

Dass Stereo trotzdem zum Kopfhörer passt, zeigte der Koss SP-3 von 1958, der als erster Stereo-Kopfhörer für Musik gilt. Heute versuchen Hersteller, das Problem mit digitaler Signalverarbeitung zu lösen: Verfahren wie Spatial Audio rechnen die Raumwirkung mit ein und reagieren teilweise sogar auf Kopfbewegungen. Wie das funktioniert, erklärt der Artikel Spatial Audio und Head-Tracking. Für klassische Stereoaufnahmen gilt aber: Am besten entfaltet sich das Klangbild, wie von Blumlein gedacht, über zwei gut aufgestellte Lautsprecher.

Stereo zu Hause richtig nutzen

Blumleins Ziel, die Richtung des Schalls nachzubilden, funktioniert nur, wenn du am richtigen Ort sitzt. Laut hifi.de liegt der „Sweetspot“ an der Spitze eines gleichseitigen Dreiecks aus dir und den beiden Lautsprechern. Als Faustformel nennt hifi.de: Lautsprecherabstand mal 0,866 ergibt den Sitzabstand zur Mitte zwischen den Lautsprechern. Bei 4 Metern Abstand sitzt du also rund 3,5 Meter entfernt. Beide Lautsprecher sollten im gleichen Winkel auf dich zeigen. Ein gleichschenkliges Dreieck reicht laut hifi.de für einen guten Start. Details im Artikel zum Stereodreieck.

Drei verbreitete Missverständnisse:

  • „Stereo heißt links und rechts getrennt“: Nur zum Teil. Das Ziel ist ein zusammenhängendes Klangbild mit Phantomschallquellen dazwischen.
  • „Stereo wurde mit der LP erfunden“: Nein. Die Grundlagen stammen aus den frühen 1930er-Jahren, die Stereo-LP kam erst 1958.
  • „Eine Box reicht für Stereo“: Ein einzelner Bluetooth-Lautsprecher kann zwar zwei Kanäle verarbeiten, das echte Stereobild entsteht aber erst mit zwei räumlich getrennten Schallquellen.

Wer ein klassisches Stereo-Setup aufbauen will, braucht zwei Lautsprecher, etwa Regallautsprecher, und einen Stereo-Verstärker – oder ein Paar Aktivlautsprecher, die den Verstärker gleich mitbringen.

Passend dazu bei rauschverbot.de

Häufige Fragen

Wer hat Stereo erfunden?

Als wichtigster Pionier gilt Alan Blumlein, der 1931 bei EMI Patente zur Stereofonie anmeldete. Parallel forschten die Bell Labs; zweikanalige Übertragungen gab es schon in den 1880er-Jahren in Paris.

Seit wann gibt es Stereo-Schallplatten?

Westrex stellte 1957 das 45/45-Verfahren vor, 1958 brachten mehrere Plattenfirmen Stereo-LPs heraus.

Seit wann gibt es Stereo im Radio?

In den USA seit 1961, in der Bundesrepublik seit August 1963 und in der DDR seit 1965.

Wo sitze ich bei Stereo richtig?

An der Spitze eines möglichst gleichseitigen Dreiecks mit den beiden Lautsprechern. Faustformel laut hifi.de: Lautsprecherabstand mal 0,866 ergibt den Sitzabstand.

Quellen

Mehr zum Thema

Nach oben scrollen