Die Erfindung des Lautsprechers: von Siemens bis Rice und Kellogg

Kurz gesagt: Die Idee einer Spule, die im Magnetfeld eine Membran bewegt, ließ sich Werner von Siemens bereits 1874 patentieren. Den praktischen dynamischen Lautsprecher mit Konusmembran und Schallwand beschrieben aber erst Chester Rice und Edward Kellogg 1925 bei General Electric. Ihr Prinzip steckt bis heute in fast jedem Lautsprecher und Kopfhörer.

Lautsprecher: eine Erfindung mit vielen Vätern

Ob Smartphone, Soundbar oder Standbox: In fast jedem Gerät, das Musik abspielt, arbeitet ein dynamischer Lautsprecher. Eine Spule bewegt sich in einem Magnetfeld und schiebt eine Membran vor und zurück, die die Luft in Schwingung versetzt. Wie das im Detail funktioniert, erklärt der Artikel Wie funktioniert ein Lautsprecher?.

Die Frage, wer den Lautsprecher erfunden hat, lässt sich nicht mit einem Namen beantworten. Das britische Fachmagazin Sound On Sound betont, dass zahlreiche Ingenieure diesseits und jenseits des Atlantiks an der Idee arbeiteten. Drei Etappen stechen heraus: ein Patent von Siemens in den 1870er-Jahren, der Durchbruch bei General Electric 1925 und die Verfeinerung durch Gehäusetechnik in den 1950er- bis 1970er-Jahren.

Vor dem Lautsprecher: Trichter und Membran

Die ersten Tonwiedergabegeräte brauchten gar keinen Lautsprecher im heutigen Sinn. Der Phonograph und das Grammophon arbeiteten rein mechanisch: Eine Nadel bewegte eine Membran, ein Trichter bündelte den Schall. Eine Physik-Projektseite der University of Alaska Fairbanks erwähnt einen Horn-Lautsprecher, den Thomas Edison um 1880 baute – ohne Strom, „revolutionär, aber nicht sehr praktisch“, weil er nur wenig Schall erzeugte.

Das Telefon brachte dann den elektrischen Schallwandler in die Welt. Kleine Hörkapseln verwandelten elektrische Signale in Schall, waren aber nur fürs Ohr gedacht. Der Audiospezialist Teufel weist in seinem Rückblick darauf hin, dass frühe Kopfhörer im Grunde kleine Lautsprecher waren, die man ans Ohr hielt – die Geschichte von Lautsprecher und Kopfhörer ist eng verflochten.

Für einen ganzen Raum reichte das nicht. Mit dem Rundfunk in den 1920er-Jahren wuchs der Bedarf an Geräten, die eine ganze Familie beschallen konnten. Bis dahin setzte man auf Trichter: Laut Sound On Sound war Hornladung in der frühen Lautsprecherentwicklung weit verbreitet. Ein Horn koppelt die kleine Membran besser an die Luft und holt so aus wenig Verstärkerleistung mehr Lautstärke heraus – ein wichtiges Argument in Zeiten schwacher Röhrenverstärker.

Siemens und die Idee der Tauchspule

Das Grundprinzip des dynamischen Lautsprechers ist älter als das Radio. Sound On Sound nennt Ernst Werner Siemens, der 1874 einen Schallwandler mit beweglicher Spule patentieren ließ. Die University of Alaska Fairbanks beschreibt ihn als ersten Entwurf eines elektromagnetischen Lautsprechers mit Spule, der damals aber nicht gebaut werden konnte, weil das Wissen über Schall und Elektrizität noch zu begrenzt war. Teufel datiert die Erteilung eines Patents für einen elektrodynamischen Schallwandler auf 1878 und bezeichnet das als Geburtsstunde des Lautsprechers.

Die unterschiedlichen Jahreszahlen sind typisch für die Frühgeschichte der Technik: Anmeldung, Erteilung und erste Umsetzung liegen oft Jahre auseinander, und verschiedene Quellen zählen verschiedene Schritte. Für dich wichtig ist der Kern: Die Idee, eine stromdurchflossene Spule im Magnetfeld als Antrieb zu nutzen, war Ende der 1870er-Jahre formuliert. Es fehlten nur noch Verstärker, die genug Leistung lieferten, und ein Konzept für die Membran.

1925: Rice und Kellogg bauen den modernen Lautsprecher

Den Durchbruch schafften zwei Ingenieure von General Electric. Chester W. Rice und Edward W. Kellogg veröffentlichten 1925 laut dem Audiomagazin Copper von PS Audio eine Forschungsarbeit, die das Grundprinzip des Direktstrahlers festlegte: eine kleine, von einer Spule angetriebene, massegesteuerte Membran in einer Schallwand, mit breitem, gleichmäßigem Frequenzgang im Mitteltonbereich. Am 20. April 1925 meldeten sie ihr Patent an.

Die Details lesen sich wie eine Bauanleitung für heutige Lautsprecher. Rice und Kellogg empfahlen laut Copper eine kegelförmige Membran mit mindestens vier Zoll Durchmesser, also gut zehn Zentimetern, und eine Schallwand von etwa zwei Fuß im Quadrat, rund 60 mal 60 Zentimeter. Die Schallwand verhindert, dass die Luft von der Vorder- zur Rückseite der Membran „umläuft“ und sich die Schallanteile gegenseitig auslöschen. Genau diese Aufgabe übernimmt heute das Lautsprechergehäuse.

Zum Paket gehörte auch ein leistungsfähiger Verstärker. Die Autoren hielten fest, dass ein Verstärker genug Reserven für natürliche Lautstärke liefern muss – eine Erkenntnis, die bis heute gilt. Wie ein Verstärker grundsätzlich arbeitet, erfährst du im Artikel über Verstärker.

Rice und Kellogg waren nicht allein: Edward Wente von den Bell Labs fand laut Copper unabhängig dasselbe Prinzip und meldete sein Patent bereits am 1. April 1925 an; erteilt wurde es am 30. Juni 1931.

Radiola 104: der erste Serienlautsprecher

Aus dem Labor ging es schnell in den Handel. RCA brachte den Rice-Kellogg-Lautsprecher laut Copper 1926 als Radiola Loudspeaker Model 104 auf den Markt; Sound On Sound erwähnt, dass das erste kommerzielle Produkt unter dem Namen Radiola einen eingebauten Röhrenverstärker hatte. Damit war im Grunde der erste Aktivlautsprecher geboren. Die Gehäusefront diente als Schallwand, Seiten und Rückwand waren laut Copper mit perforiertem Messing belüftet, um Luftresonanzen im Inneren zu vermeiden.

Die University of Alaska Fairbanks datiert die Rice-Kellogg-Konstruktion auf 1924 – auch hier zeigt sich, wie unscharf Jahreszahlen in der Technikgeschichte sein können. Einig sind sich die Quellen darin, dass dieser Lautsprecher Klangqualität und Lautstärke gegenüber den Trichtergeräten deutlich verbesserte.

JahrEtappeQuelle
1874Siemens-Patent für einen Schallwandler mit beweglicher SpuleSound On Sound
um 1880Edisons Horn-Lautsprecher ohne StromUniversity of Alaska Fairbanks
1925Rice/Kellogg-Forschungsarbeit und PatentanmeldungCopper (PS Audio)
1926Radiola 104 von RCACopper (PS Audio)
1954Acoustic Research AR-1 mit geschlossener BoxSound On Sound
1961/1972Thiele/Small-Theorie für GehäuseSound On Sound

Vom Horn zur geschlossenen Box

Nach 1925 ging es vor allem um zwei Fragen: Wie bekommt man mehr Bass aus kleinen Gehäusen, und wie lässt sich ein Lautsprecher vorab berechnen? Laut Sound On Sound führte Edgar Villchur 1954 mit dem AR-1 von Acoustic Research die „akustische Aufhängung“ ein. Hat das Chassis eine ausreichend weiche Aufhängung, dominiert die eingeschlossene Luft in einer geschlossenen Box das System. Das Gehäusevolumen bestimmt dann untere Grenzfrequenz, Wirkungsgrad und Belastbarkeit. Acoustic Research prägte damit den US-HiFi-Markt bis in die späten 1960er-Jahre.

Parallel wurde die Bassreflexbox wissenschaftlich durchdrungen. Neville Thiele veröffentlichte 1961 „Loudspeakers in Vented Boxes“; größere Bekanntheit erlangte die Arbeit, als die Audio Engineering Society sie rund zehn Jahre später erneut abdruckte. 1972 lieferten Thiele und Richard Small die mathematische Grundlage, um Chassis und Gehäuse im Tieftonbereich zu analysieren. Die nach ihnen benannten Thiele-Small-Parameter erlauben es seither, das Verhalten eines Lautsprechers auf dem Papier vorherzusagen. Wenn du in einem Datenblatt Werte wie fs, Qts oder Vas findest, sind das genau diese Parameter.

Und das Horn? Laut Sound On Sound lieferten Transistorverstärker in den 1960er-Jahren so viel Leistung, dass Hornladung für Heimlautsprecher überflüssig wurde; hornbelastete Wohnzimmerboxen verschwanden weitgehend. Heute findest du Hörner vor allem bei Hochtönern und in der Beschallungstechnik. Wie sich Chassis, Frequenzweiche und Gehäuse in modernen Boxen ergänzen, erklären die Artikel zu Chassis und zum Zwei- und Dreiwege-Prinzip.

Was das für dich heute bedeutet

Die Grundidee von 1925 – Spule, Magnet, Konusmembran, Schallwand – steckt in deinem Regallautsprecher genauso wie im Bluetooth-Speaker oder im Standlautsprecher. Auch dynamische Kopfhörertreiber folgen diesem Prinzip; laut IEEE Spectrum reichen sie bis in die 1920er-Jahre zurück.

Drei Missverständnisse begegnen dir dabei immer wieder:

  • „Der Lautsprecher wurde von einer Person erfunden“: Nein. Siemens, Rice, Kellogg, Wente und viele andere trugen Teile bei.
  • „Große Boxen klingen automatisch besser“: Seit Villchur und Thiele/Small ist klar, dass das Zusammenspiel von Chassis und Gehäusevolumen entscheidet, nicht die Größe allein.
  • „Hörner sind veraltet“: Für Wohnzimmer-Tieftöner ja, als Hochtonhorn oder in der Beschallung sind sie weiter verbreitet.

Im Datenblatt eines modernen Lautsprechers findest du das Erbe dieser Pioniere an vielen Stellen wieder. Die Angabe zum Gehäuseprinzip – geschlossen oder Bassreflex – geht direkt auf Villchur und Thiele zurück. Der Kennschalldruck in Dezibel pro Watt und Meter sagt dir, wie effizient ein Lautsprecher Verstärkerleistung in Schall umsetzt; Hornsysteme liegen hier traditionell weit vorn, kleine geschlossene Boxen eher am unteren Ende. Und der Durchmesser der Tieftonmembran verrät, wie viel Luft der Lautsprecher bewegen kann. Mehr dazu im Artikel über Wirkungsgrad und Empfindlichkeit.

Wenn du einen Lautsprecher kaufst, lohnt sich ein Blick auf Gehäuseprinzip, Wirkungsgrad und Verstärkerbedarf – also genau auf die Fragen, mit denen sich Rice und Kellogg vor hundert Jahren beschäftigt haben.

Passend dazu bei rauschverbot.de

Häufige Fragen

Wer hat den Lautsprecher erfunden?

Es gibt nicht den einen Erfinder. Siemens patentierte 1874 einen Schallwandler mit beweglicher Spule, Chester Rice und Edward Kellogg beschrieben 1925 bei General Electric den modernen dynamischen Lautsprecher.

Was war der erste kommerzielle Lautsprecher dieser Art?

RCA verkaufte den Rice-Kellogg-Lautsprecher ab 1926 als Radiola Loudspeaker Model 104.

Was sind Thiele-Small-Parameter?

Kennwerte eines Lautsprecherchassis, mit denen sich das Tieftonverhalten in einem Gehäuse berechnen lässt. Sie gehen auf Arbeiten von Neville Thiele (1961) und Richard Small (1972) zurück.

Warum braucht ein Lautsprecher ein Gehäuse?

Ohne Schallwand oder Gehäuse laufen Vorder- und Rückseitenschall der Membran ineinander und löschen sich bei tiefen Tönen aus. Darauf wiesen schon Rice und Kellogg 1925 hin.

Quellen

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