Kurz gesagt: Thomas Edison stellte Ende 1877 den Phonographen vor, das erste Gerät, das Schall aufnehmen und wieder abspielen konnte. Die Aufnahme landete als Rille auf Zinnfolie, die nach wenigen Durchgängen verschlissen war. Erst Wachswalzen machten den Phonographen ab den späten 1880er-Jahren alltagstauglich, bevor die Schallplatte ihn verdrängte.
Ein Kinderreim auf Zinnfolie
Stell dir vor, du sprichst in einen Trichter, drehst eine Kurbel – und das Gerät spricht deine Worte zurück. Heute klingt das banal, Ende 1877 war es eine Sensation. Der Phonograph von Thomas Alva Edison war das erste Gerät, das Schall nicht nur aufzeichnen, sondern auch wiedergeben konnte. Mit ihm beginnt die Geschichte aller Tonträger, von der Schellackplatte über das Tonband bis zur Streaming-Datei.
Laut der Library of Congress testete Edison seine Maschine, indem er einen Kinderreim vortrug – überliefert ist „Mary had a little lamb“. Die Datierung dieses ersten Tests ist allerdings umstritten: Edisons Unterlagen nennen den Sommer 1877, Historiker vermuten, dass er erst einige Monate später stattfand. Gesichert ist der Ablauf im Spätherbst: Nach Angaben des Engineering and Technology History Wiki (ETHW) des IEEE zeichnete Edison den Phonographen am 29. November 1877, wenige Tage später stand ein funktionierendes Modell bereit. Gebaut hatte es sein Mechaniker John Kruesi, der Überlieferung nach in rund 30 Stunden.
Am 7. Dezember 1877 führte Edison das Gerät der Redaktion des Magazins „Scientific American“ vor, das die Erfindung am 22. Dezember öffentlich machte. Das Patent wurde im Februar 1878 erteilt. Die Wiedergabe war laut ETHW „stark verzerrt, aber erkennbar“ – für ein Publikum, das nie zuvor eine aufgezeichnete Stimme gehört hatte, reichte das völlig.
Woher die Idee kam
Edison suchte ursprünglich gar kein Musikgerät. Er arbeitete an Telegrafen und Telefonen, und laut ETHW war der Phonograph zunächst als Aufzeichnungsgerät für Telefongespräche gedacht. Edison erwartete, dass Tonaufnahmen vor allem im Geschäftsleben gefragt sein würden – so wie das Telefon.
Schall aufzuzeichnen war 1877 an sich nicht neu. Das Deutsche Patent- und Markenamt (DPMA) verweist auf den Phonautographen von Édouard-Léon Scott de Martinville von 1860: Er schrieb Schallschwingungen als Linie auf berußtes Papier, konnte sie aber nicht wieder hörbar machen. Edisons Kniff bestand laut Smithsonian darin, dieses Prinzip umzudrehen: Wenn eine schwingende Membran eine Spur erzeugen kann, dann kann eine Spur umgekehrt auch eine Membran zum Schwingen bringen.
Ganz allein war Edison mit diesem Gedanken nicht. Der Franzose Charles Cros beschrieb laut Library of Congress ein ähnliches Verfahren in einem Papier vom 18. April 1877, baute aber nie ein funktionierendes Modell. Edison hatte die Werkstatt, die Mechaniker – und das Patent.
So funktionierte der Zinnfolien-Phonograph
Der Aufbau war verblüffend einfach. Um eine Metallwalze mit eingeschnittener Spiralrille wurde ein Blatt Zinnfolie gewickelt. Vor der Walze saß ein Trichter mit einer dünnen Membran, an der eine Nadel befestigt war. Wer in den Trichter sprach und dabei die Kurbel drehte, versetzte die Membran in Schwingung. Die Nadel drückte die Schwingungen als unterschiedlich tiefe Eindrücke in die Folie. Wie Schall als Luftdruckschwankung entsteht, erklärt der Artikel Wie entsteht Schall?.
Zum Abspielen kurbelte man die Walze zurück und ließ die Nadel erneut durch die Rille laufen. Jetzt übertrug die Rille ihre Form auf Nadel und Membran, der Trichter machte die Schwingungen hörbar. Strom brauchte das Ganze nicht: Der Phonograph war ein rein mechanisch-akustisches Gerät, Verstärker und Lautsprecher gab es noch nicht. Das Signal war also im wörtlichen Sinne analog – die Rillenform war ein direktes Abbild der Schallwelle. Was das im Unterschied zu digitalen Verfahren bedeutet, zeigt der Artikel analog und digital.
Das DPMA beschreibt Edisons Verfahren als „Tiefenschrift“: Die Nadel bewegte sich auf und ab. Emil Berliner setzte später beim Grammophon auf die „Seitenschrift“, bei der die Nadel seitlich ausgelenkt wird – ein Prinzip, das bis heute in jeder Schallplattenrille steckt.
| Merkmal | Zinnfolien-Phonograph (1877/78) |
|---|---|
| Tonträger | Zinnfolie auf Metallwalze |
| Aufzeichnung | Tiefenschrift (Nadel bewegt sich auf und ab) |
| Antrieb | Handkurbel |
| Wiedergabe | Membran und Trichter, rein mechanisch |
| Haltbarkeit | laut Library of Congress nur wenige Abspielvorgänge |
Die Grenzen der Zinnfolie
So spektakulär die Vorführungen waren, so begrenzt war der praktische Nutzen. Laut der Library of Congress überstand die Zinnfolie nur wenige Durchgänge, danach riss sie oder war abgenutzt. Die Klangqualität war bescheiden, und eine Aufnahme ließ sich nicht kopieren. Laut ETHW wurden 1878 zwar Gipsabgüsse einzelner Aufnahmen angefertigt, ein Verfahren zur Vervielfältigung war das aber nicht.
Die Folgen spürt die Musikgeschichte bis heute: Fast alle Zinnfolienaufnahmen von 1877 und 1878 sind verloren. Die wenigen erhaltenen Exemplare wurden laut ETHW nie abgespielt und lagern in Edisons ehemaligem Labor in New Jersey, heute eine Gedenkstätte des National Park Service. Die ältesten erhaltenen, abspielbaren Phonographenaufnahmen stammen aus der Zeit um 1887, als Edison bereits mit Wachswalzen arbeitete.
Auch geschäftlich lief der Start holprig. Die Edison Speaking Phonograph Company wurde laut Library of Congress am 24. Januar 1878 gegründet. Im Frühjahr und Sommer 1878 zahlten Menschen Eintritt, um die „sprechende Maschine“ zu erleben, berichtet die Smithsonian Institution. Im April 1878 lizenzierte Edison den Vertrieb als Diktiergerät fürs Büro – die Verkäufe blieben schwach, die Produktion wurde bald eingestellt. Im selben Monat führte er den Phonographen laut ETHW auch der National Academy of Sciences und Präsident Rutherford B. Hayes vor. Danach wandte sich Edison zunächst der elektrischen Glühlampe zu.
Konkurrenz und Comeback mit Wachs
Dass der Phonograph nicht als Kuriosität endete, lag auch an der Konkurrenz. Alexander Graham Bell, sein Cousin Chichester Bell und Charles Sumner Tainter verbesserten das Prinzip in den 1880er-Jahren. Laut Library of Congress ersetzten sie die Zinnfolie durch Wachs und die starre Nadel durch einen beweglich gelagerten Stichel. Ihr Patent wurde am 4. Mai 1886 erteilt, das Gerät hieß Graphophone.
Edison lehnte eine Zusammenarbeit ab und entwickelte einen eigenen Wachswalzen-Phonographen. Laut Smithsonian meldete er 1888 gleich siebzehn Patente auf neue Tontechnik an. Die Library of Congress nennt die Etappen: Gründung der Edison Phonograph Company am 8. Oktober 1887, der „Improved Phonograph“ bis Mai 1888, danach der „Perfected Phonograph“. Frühe Wachswalzen bestanden aus einer Mischung von Ceresin, Bienenwachs und Stearinwachs; ab etwa 1892 setzte sich „braunes Wachs“ durch.
Den entscheidenden Schritt zum Massenmedium brachte die Vervielfältigung. Ab 1901 wurden Walzen nach Angaben der Library of Congress nicht mehr einzeln bespielt, sondern aus härterem schwarzem Wachs gegossen. Das Verfahren hieß „Gold Moulded“, weil bei der Herstellung der Gussform Goldelektroden eingesetzt wurden. Eine Form lieferte 120 bis 150 Walzen pro Tag.
| Jahr | Entwicklung laut Library of Congress |
|---|---|
| 1877 | Zinnfolien-Phonograph |
| 1886 | Patent für das Graphophone (Bell/Tainter, Wachs) |
| 1887/88 | Edisons Wachswalzen-Phonographen |
| 1901 | gegossene „Gold Moulded“-Walzen |
| 1908 | Amberol-Walze mit bis zu 4 Minuten Spielzeit |
| 1913 | Edison Disc Phonograph angekündigt |
| 1929 | Ende der Walzenproduktion mit dem Ende des Unternehmens |
Walze gegen Scheibe
Eine Standardwalze mit zwei Minuten Spielzeit lief laut Library of Congress mit etwa 120 Umdrehungen pro Minute. Die Amberol-Walze vom November 1908 schaffte dank feinerer Rillen bis zu vier Minuten. Später folgte die bruchfeste Blue-Amberol-Walze.
Doch die Zukunft gehörte einer anderen Form. Emil Berliner erhielt 1887 Patente für sein Grammophon mit flacher Scheibe, die sich laut DPMA leichter in großen Stückzahlen pressen ließ. Nach 1900 setzte sich die Platte am Markt gegen die Walze durch. Edison kündigte 1913 selbst einen Plattenspieler an, ließ aber weiter Walzen fertigen; ab 1915 wurden diese meist von seinen Diamond-Disc-Platten überspielt. Mit dem Ende des Unternehmens 1929 lief die Walzenproduktion aus. Wie es mit der Scheibe weiterging, erzählen die Artikel zum Grammophon und zur Schallplatte von 78 bis 33 Umdrehungen.
Eine Randnotiz macht die Geschichte besonders: Edison war stark schwerhörig. Laut National Park Service schrieb er 1885, er habe seit seinem zwölften Lebensjahr keinen Vogel mehr singen hören. Trotzdem nannte er den Phonographen sein „Baby“ und arbeitete rund fünfzig Jahre an Verbesserungen.
Was vom Phonographen bleibt
Technisch ist vom Zinnfolien-Phonographen wenig übrig, die Idee dahinter steckt aber in jedem Tonträger: Schall wird in eine dauerhafte Spur übersetzt, die sich später wieder in Schall zurückverwandeln lässt. Beim Plattenspieler ist das bis heute direkt sichtbar – eine Nadel folgt einer Rille, nur dass Tonabnehmer, Verstärker und Lautsprecher die Arbeit von Membran und Trichter übernommen haben.
Ein paar Missverständnisse halten sich hartnäckig:
- Edison erfand nicht die Schallaufzeichnung an sich – der Phonautograph konnte Schall schon um 1860 sichtbar machen. Neu war die Wiedergabe.
- Der Phonograph spielte zunächst keine Platten, sondern Walzen. Die Scheibe kam mit Berliners Grammophon.
- Die erste Aufnahme ist nicht erhalten. Was heute als „Edisons Stimme“ kursiert, stammt aus späteren Jahren.
Wenn du historische Walzenaufnahmen hören willst, musst du dafür keine Walze kaufen: Archive wie der National Park Service und die Library of Congress stellen digitalisierte Edison-Aufnahmen online bereit. Eine moderne HiFi-Anlage oder gute Kopfhörer machen dabei vor allem eines hörbar – wie weit der Weg vom Kinderreim auf Zinnfolie bis zum heutigen Klang war.
Passend dazu bei rauschverbot.de
- Plattenspieler – Rillen hören wie früher
- HiFi – Anlagen und Komponenten
Häufige Fragen
Wann hat Edison den Phonographen erfunden?
Edison skizzierte den Phonographen laut ETHW am 29. November 1877 und führte ihn im Dezember 1877 öffentlich vor. Das Patent wurde im Februar 1878 erteilt.
Was wurde zuerst aufgenommen?
Edison trug einen Kinderreim vor, überliefert ist „Mary had a little lamb“. Die Aufnahme selbst ist nicht erhalten.
Warum setzte sich die Zinnfolie nicht durch?
Die Folie überstand laut Library of Congress nur wenige Abspielvorgänge und ließ sich nicht vervielfältigen. Erst Wachswalzen machten den Phonographen alltagstauglich.
Was ist der Unterschied zwischen Phonograph und Grammophon?
Der Phonograph nutzte Walzen und Tiefenschrift, Berliners Grammophon flache Scheiben mit Seitenschrift. Die Scheibe ließ sich leichter in großen Mengen pressen.
Quellen
- Library of Congress: History of the Cylinder Phonograph
- ETHW (IEEE): Phonograph
- Smithsonian National Museum of American History: Hear My Voice – Edison
- National Park Service, Thomas Edison NHP: The Phonograph
- DPMA: Erfindungen, die Geschichte schrieben – Grammophon
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