Kurz gesagt: True-Wireless-Ohrhörer sind zwei komplett getrennte Hörer, die per Bluetooth mit dem Zuspieler und miteinander kommunizieren. Meist übernimmt ein Hörer die Hauptrolle, die Rollen können aber wechseln. Akku, Funkchip, Mikrofone und oft Geräuschunterdrückung stecken auf engstem Raum, die Ladeschale versorgt die Hörer unterwegs mit Strom.
Was True Wireless von anderen Funkkopfhörern unterscheidet
Kabellose Kopfhörer gibt es seit Langem. Bei klassischen Bluetooth-Kopfhörern und bei Ohrhörern mit Nackenbügel verbindet aber noch ein Kabel den linken mit dem rechten Hörer. Laut dem Magazin SoundGuys waren solche Nackenbügel-Modelle Anfang der 2010er-Jahre sehr verbreitet. True Wireless (oft TWS für True Wireless Stereo abgekürzt) verzichtet auch auf dieses Kabel: Links und rechts sind zwei völlig eigenständige Geräte.
Das klingt nach einer kleinen Änderung, ist technisch aber ein großer Schritt. Der Chiphersteller Qualcomm, der die True-Wireless-Technik nach eigener Darstellung als Erster entwickelt hat, nennt in einem Whitepaper drei Kernprobleme: Das Hörerpaar muss sich gegenüber dem Smartphone wie ein einziges Gerät verhalten. Die Verbindung muss im überfüllten Funkband robust bleiben. Und das System muss jedes Nutzerverhalten mitmachen, etwa wenn du nur einen Hörer trägst, die Hörer tauschst oder einen allein lädst.
Grundlagen zur Funktechnik findest du im Artikel Bluetooth-Audio erklärt.
Primär und sekundär: wer mit dem Handy spricht
Der Zubehörhersteller Logitech beschreibt das Grundprinzip so: Statt eines Kabels zwischen den Hörern gibt es zwei Funkverbindungen, eine vom Smartphone zu den Hörern und eine zwischen den Hörern. Ein Hörer, der Primärhörer, ist mit dem Smartphone verbunden und gibt das Audiosignal an den Sekundärhörer weiter. Welcher Hörer das ist, kann zwischen links und rechts wechseln.
Damit beide Ohren gleichzeitig hören, misst der Primärhörer laut Logitech die Laufzeit des Signals zum anderen Hörer und fügt eine kleine Verzögerung von höchstens wenigen Millisekunden ein. Ist die Verzögerung zu groß, geraten die Kanäle aus dem Takt. Logitech weist auch darauf hin, dass der Primärhörer durch die zusätzliche Arbeit schneller Akku verbrauchen kann.
Qualcomm beschreibt in seinem Whitepaper, wie sich die Architektur über Generationen entwickelt hat:
| Generation | Prinzip | Folgen laut Qualcomm |
|---|---|---|
| Vollständiges Relay | Primärhörer leitet alle Daten an den Sekundärhörer weiter | doppelte Bluetooth-Bandbreite, feste Rollen, Telefonate nur in Mono |
| Halbes Relay | nur die Daten, die der Sekundärhörer braucht, werden weitergeleitet | Stereo-Telefonate, Rollentausch möglich, beide Hörer erscheinen getrennt in der Kopplungsliste |
| Halbes Relay mit einer Adresse | wie oben, aber nur ein Eintrag in der Kopplungsliste | Rollenwahl automatisch, aber kein Wechsel mehr, sobald der erste Hörer aus der Schale genommen wurde |
| Mirroring | Sekundärhörer hört die Verbindung zum Handy mit, Primärhörer liefert nur fehlende Pakete nach | dynamischer Rollentausch, ähnlicher Stromverbrauch beider Hörer |
Mithören statt Weiterleiten
Das Mirroring-Verfahren erklärt Qualcomm am eigenen System: Der Sekundärhörer belauscht die Verbindung zwischen Smartphone und Primärhörer und empfängt so die meisten Datenpakete direkt. Beide Hörer folgen gemeinsam Änderungen der Verbindung, etwa beim Kanalwechsel oder bei der Verschlüsselung, und halten die Wiedergabe synchron. Ist die Verbindung gut, holt sich der Sekundärhörer alles selbst. Ist sie schlecht, zum Beispiel weil das Handy in der Hosentasche steckt, sendet der Primärhörer verlorene Daten nach.
Praktisch spürbar ist der Rollentausch: Laut Qualcomm wechseln die Rollen, wenn der Primärhörer aus dem Ohr genommen wird, sein Akku fast leer ist, er in die Ladeschale kommt oder der andere Hörer eine deutlich bessere Verbindung hat. So kannst du jeden Hörer allein nutzen, mitten im Song oder im Telefonat, ohne Tastendruck und ohne App. Trägst du beide, hörst du Stereo, trägst du einen, bekommst du Mono aus diesem Hörer.
Die neueste Entwicklung heißt Bluetooth LE Audio. Dort ist vorgesehen, dass jeder Hörer seinen eigenen Datenstrom vom Zuspieler bekommt. Was das genau bedeutet und welche Geräte es unterstützen, erklärt der Artikel LE Audio und LC3.
Was in einem Ohrhörer steckt
In jedem einzelnen Hörer sitzt ein komplettes kleines Audiosystem: Funkchip mit Antenne, Signalprozessor, Wandler, Akku, Mikrofone und oft Sensoren für Trageerkennung und Bedienung. Ein paar Zahlen geben ein Gefühl für die Enge:
- Akku: Qualcomm nennt für seine Lösung bis zu 9 Stunden Wiedergabe mit einem 45-mAh-Akku.
- Mikrofone: Laut dem Mikrofonhersteller Knowles stecken in einem True-Wireless-Hörer mit Geräuschunterdrückung vier oder sechs Mikrofone.
- Wandler: Neben dynamischen Treibern setzen True-Wireless-Modelle laut Knowles wegen der geringen Größe zunehmend auch Balanced-Armature-Treiber ein.
- Dekodierung: Bei Qualcomms aptX Adaptive werden linker und rechter Kanal vor der Dekodierung getrennt, sodass jeder Hörer nur seinen eigenen Kanal verarbeitet, was laut Qualcomm Strom spart.
Die Wandlertechnik wird in den Artikeln Dynamische Treiber erklärt und Balanced Armature ausführlich behandelt.
Die Ladeschale: Akku für den Akku
Weil in einen Ohrhörer nur ein winziger Akku passt, gehört zu jedem True-Wireless-Modell eine Ladeschale mit eigenem Akku. Schon die frühen Modelle arbeiteten so. Der Onkyo W800BT, laut dem Fachmagazin audioXpress im September 2015 vorgestellt und auf der CES 2016 gezeigt, bot pro Ladung bis zu 3 Stunden Musik. Die Ladeschale hatte Energie für vier weitere Ladungen, insgesamt also rund 15 Stunden Wiedergabe.
Seitdem hat sich viel getan: Laut Android Central bot Bragis Modell The Headphone 2016 sechs Stunden, die Jabra Elite 65t 2018 fünf Stunden und die Beats Powerbeats Pro 2019 rund neun Stunden pro Ladung. Bei Herstellerangaben zur Akkulaufzeit lohnt sich trotzdem ein kritischer Blick, mehr dazu unter Akkulaufzeit bei Kopfhörern verstehen.
Neue Modelle mit Kabelladebuchse müssen nach einem Bericht von Notebookcheck in Deutschland seit dem 28. Dezember 2024 über USB-C laden, True-Wireless-Ohrhörer werden dort ausdrücklich genannt.
Von der Nische zum Standard
Die Geschichte ist kurz, aber rasant. Android Central nennt die Kickstarter-Kampagnen von Bragi (Februar 2014) und Earin (Juni 2014) als frühe Meilensteine, Earin lieferte im Oktober 2015 an Unterstützer aus. Laut SoundGuys strich Apple Ende 2016 beim iPhone 7 die Kopfhörerbuchse, die meisten Android-Hersteller folgten in den vier Jahren danach. Android Central zufolge brachte Bluetooth 5.0 ab 2018 deutlich stabilere Verbindungen, und 2019 brachten die AirPods Pro aktive Geräuschunterdrückung mit.
Die Absatzzahlen laut Android Central: knapp 50 Millionen Stück 2018, über 120 Millionen 2019, über 300 Millionen 2020. SoundGuys berichtet, dass True-Wireless-Modelle 2021 die kabelgebundenen Ohrhörer bei der Marktgröße überholten. Die ganze Geschichte erzählt der Artikel Die Geschichte der True-Wireless-Kopfhörer.
Typische Probleme und was hilft
- Aussetzer: Bluetooth teilt sich laut Logitech das 2,4-GHz-Band mit WLAN-Routern und Mikrowellen, und der eigene Körper schirmt ab. Steck das Handy in eine Tasche auf derselben Körperseite wie den Primärhörer oder näher zum Kopf.
- Ein Hörer leiser oder still: Oft hilft es, beide Hörer in die Schale zu legen, die Kontakte zu reinigen und neu zu verbinden. Weitere Ursachen sammelt der Artikel Ein Ohrhörer ist leiser.
- Bild und Ton nicht synchron: Funkübertragung braucht Zeit. Manche Apps und Geräte gleichen das aus, andere nicht.
- Akku lässt nach: Kleine Akkus altern. Teilweises Laden und Hitze vermeiden hilft, die Lebensdauer zu verlängern.
Eine Auswahl aktueller Modelle findest du in der Kategorie In-Ear-Kopfhörer, etwa die Apple AirPods Pro 3 oder die Soundcore Liberty 5. Für Training und Laufen lohnt sich ein Blick auf Sport-Kopfhörer.
Passend dazu bei rauschverbot.de
- In-Ear-Kopfhörer – True Wireless und mehr
- Apple AirPods Pro 3 – True Wireless mit ANC
- Soundcore Liberty 5 – True Wireless mit ANC
- Sport-Kopfhörer – Sicherer Sitz beim Training
Häufige Fragen
Kann ich nur einen True-Wireless-Hörer nutzen?
Bei aktuellen Modellen meist ja. Die Hörer tauschen ihre Rollen automatisch, du hörst dann Mono aus dem getragenen Hörer.
Warum ist bei mir ein Hörer schneller leer?
Der Primärhörer, der mit dem Smartphone verbunden ist, hat bei manchen Architekturen mehr Arbeit und verbraucht deshalb mehr Strom. Neuere Verfahren mit Rollentausch gleichen das aus.
Was ist der Unterschied zwischen True Wireless und Bluetooth-Kopfhörern?
Bei True Wireless sind linker und rechter Hörer komplett getrennt. Bei anderen Bluetooth-Kopfhörern verbindet noch ein Kabel oder ein Bügel die beiden Seiten.
Wie lange hält der Akku von True-Wireless-Ohrhörern?
Das hängt stark vom Modell und von Funktionen wie ANC ab. Die Ladeschale liefert mehrere zusätzliche Ladungen, sodass die Gesamtlaufzeit ein Vielfaches einer einzelnen Ladung beträgt.
Quellen
- Qualcomm: Whitepaper The Evolution of True Wireless Technology (2020)
- Logitech: How do true wireless earbuds work?
- audioXpress: Onkyo W800BT True Wireless In-Ear Headphones – First to Market?
- Android Central: The history of true wireless earbuds
- SoundGuys: True wireless earbuds turn ten
- Knowles: Introduction (Japan Audio Society, 2020)
- Notebookcheck: USB-C-Pflicht startet in Deutschland am 28. Dezember
- Bluetooth-Audio erklärt: wie Musik kabellos ins Ohr kommt
- LE Audio und LC3: die neue Generation von Bluetooth-Audio
- Dynamische Treiber erklärt: das Arbeitspferd im Kopfhörer
Apple AirPods Pro 3: In-Ears mit ANC und Herzfrequenzmessung
soundcore Liberty 5: ANC-Earbuds mit LDAC und Dolby Audio- Offene und geschlossene Kopfhörer: Unterschiede, Vor- und Nachteile
- Transparenzmodus: Umgebung hören trotz Kopfhörer
- In-Ear, On-Ear, Over-Ear: der Unterschied im Alltag
- Wie funktioniert Noise Cancelling? Aktive Geräuschunterdrückung erklärt
- Kopfhörer-Bauformen im Überblick: von Over-Ear bis Open-Ear